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»Als ich ein kleiner Junge war, machten wir häufig Ausflüge mit der Schulklasse zu Sehenswürdigkeiten in Barcelona. Über die ›Kathedrale des Meeres‹ Santa María del Mar erzählte uns der Lehrer, dass dies die Kirche der Seeleute sei, die sie mit ihren eigenen Händen gebaut hätten. Natürlich glaubten wir ihm das nicht, machten unsere Späße und zogen weiter. Die Kirche war über Jahrhunderte hinweg in Vergessenheit geraten ...

Außer Schulklassen verirrte sich sonst niemand nach Santa María. Nur Hochzeitspaare wussten die ruhige Lage und die Schönheit der Kirche zu schätzen. Auf einer dieser Hochzeiten war es, dass ich wieder hinter den alten Mauern Zuflucht fand. Zuflucht: Das ist das erste Gefühl, das einen überkommt, wenn man die Kirchenschwelle überschreitet und den riesigen Innenraum betritt. Es ist das Gefühl der Ruhe, des Geborgenseins, das Gefühl von Ewigkeit, das dieser Raum ausstrahlt.

Denn Santa María ist das bedeutendste Beispiel der katalanischen Gotik: schlicht und schmucklos, wie die Menschen, die sie errichtet haben, aber gleichzeitig leicht und erhaben.

Wenn man die Kirche betrachtet, fällt zunächst der Mangel an filigranem Schmuckwerk und Ornamenten auf, welche sonst so typisch sind für Bauwerke aus jener Zeit. Was ist es aber dann, das Santa María del Mar schmückt? Die Kirche, die seinerzeit direkt am Strand lag, hat einen ganz besonderen Schmuck: das Licht.

Es ist das mediterrane Licht, das durch die prachtvollen Kirchenfenster hineinfällt und das Innere der Kirche zum Leben erweckt, das in den verschiedensten Farben leuchtet und sich je nach Tageszeit völlig verändert. Vormittags dringt die Sonne durch die weißen und blauen Fenster, die im Norden liegen, und nachmittags durch die roten, gelben und grünen, die nach Süden zeigen. Abends dann leuchtet die riesige Rosette über dem westlichen Hauptportal in allen erdenklichen Farben.

Die Kirche selbst begrüßt den Besucher in ihrer ganzen Größe, sobald dieser das Portal durchschreitet. Es gibt keine langen, unübersichtlichen und überladenen Querschiffe wie bei der englischen oder französischen Gotik. Santa María bietet all ihre Schönheit und ihren Glanz bereits auf den ersten Blick dar. Einige Tage nach besagter Hochzeit las ich in einer Broschüre, dass der Lehrer Recht gehabt hatte: Die Kirche war tatsächlich von den Seeleuten gebaut worden, von den Hafenarbeiten und den Bewohnern des Ribeiraviertels.

Im 13. Jahrhundert, als Katalonien das Mittelmeer beherrschte und die gräfliche Stadt Barcelona über die alten Stadtmauern hinaus bis hinunter ans Meer wuchs, zogen Kaufleute, Handwerker und Adlige in den ehemaligen Fischerort Ribeira und verwandelten ihn in ein florierendes Stadtviertel. Dort, beinahe direkt auf dem Strand, stand eine alte romanische Kirche namens Santa María de las Arenas, die sehr schnell zu klein wurde und darüber hinaus auch zu bescheiden war für die neuen Einwohner des Viertels. Aber der König war nicht bereit, Geld für ein größeres und repräsentativeres Gotteshaus zur Verfügung zu stellen, investierte er doch gerade in eine neue Stadtmauer und in die Lonja, die Warenbörse. Und die Kirche brauchte all ihre Mittel für die neue Kathedrale, mit deren Bau man vor kurzem begonnen hatte.
So beschlossen die Anwohner des Ribeiraviertels, den Bau ihrer Kirche selbst in die Hand zu nehmen. Die einen, die Reichen, mit ihrem Geld, und die anderen, die Ärmeren, mit ihrer Arbeitskraft. Unter letzteren taten sich besonders die Bastaixos hervor, die Lastenträger des Hafenviertels, die häufig als Sklaven in die Stadt gekommen waren und dort beim Entladen der Schiffe Arbeit gefunden hatten. Damals waren sie bereits freie Männer und hatten eine bescheidene Zunft gegründet: die Zunft der Bastaixos. Ihr Beitrag zum Bau der Kirche war das Herbeischaffen der riesigen Felsblöcke aus dem Steinbruch des Montjuïc. Sie trugen die Steine mit Hilfe eines Tragegurtes auf dem Rücken durch die ganze Stadt bis an den Strand, wo die Steinmetze die riesigen Blöcke dann bearbeiteten. Der Grundstein für die Kathedrale Santa María del Mar wurde am 25. März 1329 gelegt. Die Weihe fand am 15. August 1384 statt. Das macht eine Bauzeit von nur 55 Jahren – für ein solches Unternehmen damals eine außergewöhnlich kurze Zeit.

Die Adligen und Kaufleute hinterließen ihre Spuren in Santa María: in den zahlreichen Seitenkapellen, die sie ihren jeweiligen Schutzpatronen widmeten, auf prächtigen Sarkophagen oder mit ihren Wappen, die sie in die Steine meißeln ließen. Aber kein Adliger, keine andere Zunft, mochte sie noch so reich gewesen sein, wurde von den Anwohnern des Ribeiraviertels so gewürdigt und verehrt wie die Bastaixos, die mit den riesigen Steinquadern auf dem Rücken die Stadt durchquerten. Auch heute noch findet man ihr Abbild aus Kupfer an dem Hauptportal der Kirche und auf in Stein gehauenen Reliefs neben dem Altarraum.

Wenn man heute, 700 Jahre später, nach Santa María del Mar kommt, spürt man immer noch den lebendigen Geist, der in ihren Mauern wohnt. Man kann ihn fühlen, wenn man die Steine berührt, die seinerzeit den Bastaixos so viel Mühe bereitet haben. Heute erfährt das Ribeiraviertel eine zweite Blütezeit. Kleine Geschäfte siedeln sich hier an, Museen und Galerien ziehen in die einstigen Adelspaläste ein, Cafés und Bars laden zum Verweilen ein. Wieder und wieder machte ich Abstecher in dieses Viertel und in die Kirche und beschäftigte mich ausgiebig mit der Geschichte des Bauwerks. Während meines Studiums habe ich mich auch mit katalanischer Rechtsgeschichte auseinandergesetzt. Dabei fiel mir auf, dass hinter den vielen mittelalterlichen Gesetzen und Gewohnheitsrechten immer eine Geschichte steckte: So wurde ich auf ein mittelalterliches Urteil aufmerksam, laut dem untreue Ehefrauen von ihrem Mann eingemauert werden durften. Diese und andere Geschichten begannen plötzlich, vor der Kulisse von Santa María und dem Ribeiraviertel lebendig zu werden. Und so entstand dann mein Held – die Romanfigur Arnau Estanyol. Er war ein einfacher Hafenarbeiter, der mit den anderen Lastenträgern in seiner freien Zeit die Steine vom Montjuïc bis hinunter ans Meer geschleppt hat. Sein Aufstieg vom Lastenträger zum Seekonsul der gräflichen Stadt Barcelona, sein ganzes Leben ist mit dem Bau dieser großartigen Kathedrale verwoben.

Irgendwann war es für mich fast eine Pflicht, einen Roman aus diesem spannenden Stoff zu machen. Heute kommen die Menschen aus aller Welt wegen meines Buches nach Santa María del Mar und besichtigen die Schauplätze des Romans.

Mit diesem großartigen weltweiten Erfolg hätte ich für mein erstes Buch nie gerechnet.« (Ildefonso Falcones)
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